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Suizidversuch
Heutzutage gehen viele Leute sehr oberflächlich und rabiat mit mir um. Wer ich bin? Ich bin das örtliche Telefonbuch und lag in einer Telefonzelle in der Stadtmitte. Mal wurden mir einzelne Seiten herausgerissen, ich wurde geknickt oder eingeascht. Das machte mich wütend und ich versuchte, mit all meiner Energie die Leute zum vorsichtigen Umblättern zu erziehen. Ohne Erfolg! Es hagelte Beschwerden von Menschen, die mehr Kraft aufbringen mussten, um meine Seiten umzublättern (was sie überhaupt nicht verstanden). Die Telefonbuchzentrale strafverlegte mich an den Ortsrand.
Dort wurde ich in einer schäbigen Zelle fast nicht mehr benutzt. Das machte mich sehr traurig. Einige Wochen später führte meine Vereinsamung zur bekannten Telefonbuchseitendepression. An einem tristen Novembermorgen unternahm ich einen Suizidversuch. Jedoch war ich physisch und psychisch so geschwächt, dass ich nicht mehr die Kraft aufbrachte, mich ganz zu zerreissen.
Siglinde F., auf dem Weg zur Arbeit, bemerkte im Vorbeifahren, dass Blut aus der Telefonzelle tropfte. Sie hielt an, legte mich auf den Rücksitz und brachte mich ins nahe gelegene Krankenhaus. Dort wurde mir in einer Notoperation das Leben gerettet. Gott sei dank waren genügend Spenderseiten vorrätig.
Seit meiner Rekonvaleszenz arbeite ich heute in einer Telefonzelle des sog. „Neuen Zentrums“, im Residenz-Viertel. Die überwiegend älteren Benutzer meiner Seiten gehen sehr gefühlvoll mit mir um.
Horst Engel 1998